Lesenswert : Minimalismusgeschichten 1

Wenn wir überleben wollen, müssen wir leben lernen, statt immer nur gelebt zu werden. – Erich Fromm

Tja, das ist hier wohl das Gegenteil von Minimalismus: die maximale Anhäufung von wabbeligem Fett auf den geplagten Knochen. Ich glaube, daß die meisten von uns inzwischen begriffen haben, daß unser gieriger Lebensstil und der hemmungslose Raubbau an den Ressourcen dieser Erde über kurz oder lang ins Verderben führt. Wir mißhandeln den Planeten, der Planet schlägt zurück und mißhandelt uns: mit Tsunamis, Hurrikans, Überschwemmungen, Zerstörungen & Verwüstungen aller Art. Höchste Zeit umzudenken. Hier ein paar Anregungen.

Alles, was du besitzt, besitzt irgendwann dich.
Tyler Durden im Film „Fight Club“

In jeder Religion oder spirituellen Lebensweise gibt es erhobene Zeigefinger, die zur Genügsamkeit mahnen. Egal ob Fasten an Ostern, Verzicht auf Schweinefleisch oder die Alkoholabstinenz. Ich persönlich verzichte weitestgehend auf Fleisch, trinke Alkohol in Maßen und kaufe mir nur Kleidung, die ich wirklich brauche. Doch ich bin weder religiös noch eine Prinzipientäterin. Ich verzichte auf Konsum, weil es mir damit besser geht.

Um uns vor Überforderung zu schützen, brauchen wir Genügsamkeit, das vereinfacht unser Leben. Nicht nur bei unserer Ernährung oder im Kleiderschrank, sondern in allen Lebensbereichen. Bei der Arbeit, der Auswahl unserer Freund*innen und sogar unseren Gedanken. Weniger ist mehr, Qualität vor Quantität, ganz oder gar nicht. Das sind die Leitsätze des Minimalismus. Und sie sind wahr, wie ich für mich herausgefunden habe.

Minimalismus ist einfach, weil es keine Regeln, keine Verbote, keine Fehler gibt. Man braucht keine teure Mitgliedschaft und kann auch nichts falsch machen. Wir können es einfach ausprobieren. Was haben wir schon zu verlieren, außer Stress? Vielleicht sollten wir uns einfach mal ein bisschen weniger gönnen, um ein bisschen glücklicher zu werden. – ze.tt

Wohlstand ist, wenn man mit Geld, das man nicht hat, Dinge kauft, die man nicht braucht, um damit Leute zu beeindrucken, die man nicht mag. – Alexander von Humboldt

Der Philosoph Jürgen Manemann vom Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover ergänzt: „Minimalismus heißt nicht Besitzlosigkeit.“ Die Maxime sei vielmehr „consume less, create more“. „Wer seinen Konsum reduziert, der erlangt mehr Unabhängigkeit, der kann durch äußere Leere innere Fülle erreichen.“

Genau das ist Olivera gelungen, seit sie vor vier Jahren Minimalistin wurde. „Ich habe mehr Zeit für Dinge, die mir wichtig sind“, sagt sie. Gleichzeitig begann in ihr ein Prozess der Selbsterkenntnis, was nicht ungewöhnlich ist, wie der Philosoph Manemann erklärt. „Minimalismus hilft, sich mit der Sinnfrage auseinanderzusetzen.“ Das leuchtet ein, denn wer sich nur noch mit 50 Dingen statt mit 500 beschäftigt, hat mehr Zeit für sich selbst. Plötzlich treten Fragen wie „Wer bin ich? Was gefällt mir? Was möchte ich erreichen?“ in den Vordergrund. – ze.tt

Die goldene Regel: Nehmen Sie nichts in Ihr Haus auf, das nicht entweder nützlich ist oder das Sie als schön ansehen. – William Morris

Kleider machen Leute, heißt es. Sorry, aber das ist Bullshit. Leute sind schon Leute, Kleidung bedeckt den Körper. Und sorgt für den ersten, oberflächlichen Eindruck eines Menschen. Da der wichtig ist, ist etwas an dem Spruch dran. Aber du bist nicht, was du trägst. Und du bist nicht, was du besitzt. Das zu verinnerlichen ist der erste Schritt, um zu sich selbst und dem eigenen Stil zu finden. Gut gekleidet zu sein heißt nicht unbedingt, zu jedem aktuellen Trend drei Pieces im Schrank zu haben. Denn der Fehlkauf von heute ist der Müll von morgen. Es heißt, dass du das trägst, was gut zu dir passt und dir gefällt. – ze.tt

Glückliche Menschen konsumieren nicht.
Frédéric Beigbeder

Wir kaufen ständig mehr – und werden alles ebenso schnell wieder los. Unser Gebrauchtes bleibt auf Momox und Ebay in einem Kreislauf. Was bedeutet uns heute eigentlich Besitz? Laut einer Greenpeace-Studie von 2015 nämlich besitzen die Deutschen – abzüglich Strümpfen und Unterwäsche – gut 5,2 Milliarden Kleidungsstücke. Vierzig Prozent davon würden selten bis nie getragen. Es ist schon ein paradoxes Verhältnis, das wir zum Besitz entwickeln: Wir wollen vieles haben, können es aber nur bedingt gebrauchen. Und neue Konzepte der sogenannten Sharing Economy machen es einfach, es wieder loszuwerden.

Wer einmal in einem größeren Online-Store auf etwas geklickt hat, ohne es gleich in den Warenkorb zu schieben, kann damit rechnen, dass es einen über Tage bis Wochen verfolgt, sobald man wieder einen Browser öffnet, irgendeinen. „Man wird immer mehr zum Zwischenlager, indem man irgendwelches Zeug anderen abnimmt und irgendwann weitergibt oder wegschmeißt“, sagt Welzer. Wer nicht mit seinen Möbeln umziehen will, kauft sich eben am anderen Ort neue. „Das wäre vor zwanzig Jahren undenkbar gewesen.“ – FAZ

Jede Anschaffung ist eine Knechtschaft

Ich komme in die Küche und sehe meine Frau verschüttet unter Hunderten von Tellern, Tassen, Platten, Schüsseln, Gläsern, Bestecken, Sieben, Schaumlöffeln, elektrischen Apparaten, die sie abzuwaschen und aufzuräumen versucht. Und ich sage mir, daß es nichts Schlimmeres gibt, als unter die Herrschaft der Gegenstände zu fallen. Die einzige Art und Weise, das zu vermeiden, ist, möglichst wenig zu besitzen. Jede Anschaffung ist eine Verantwortung und daher eine Knechtschaft. Daher kommt es, daß manche Sammlerstämme Australiens, Neuguineas und Amazoniens beschlossen haben, nichts zu besitzen, was paradoxerweise kein Zeichen von Armut, sondern von Reichtum ist. Besitzlosigkeit ermöglicht Freizügigkeit, Wanderschaft, das heißt, das Unbezahlbare: Freiheit. – Julio Ramon Ribeyro

Wir dürfen uns nicht durch einen Sog, dem sich nur die Allerstärksten und Allerbegabtesten widersetzen können, auf jenes Niveau dumpfer Mittelmäßigkeit herabdrücken lassen, wie wir es aus der Gegenwart kennen. – William Morris

Unsere Konsum- und Marktwirtschaft beruht auf der Idee, daß man Glück kaufen kann, wie man alles kaufen kann. Und wenn man kein Geld bezahlen muß für etwas, dann kann es einen auch nicht glücklich machen. Daß Glück aber etwas ganz anderes ist, was nur aus der eigenen Anstrengung, aus dem Innern kommt und überhaupt kein Geld kostet, daß Glück das Billigste ist, was es auf der Welt gibt, das ist den Menschen noch nicht aufgegangen. – Erich Fromm

Ich habe mich in den letzten beiden Jahren nicht nur von meinem Auto getrennt, sondern auch von allen Vinyl-LPs, sowie von den meisten CDs, DVDs & Büchern. Die CDs & DVDs habe ich digitalisiert, Bücher lese ich nur noch als eBooks. Die LPs, CDs, DVDs & Bücher habe ich an Jacke wie Hose der Diakonie Karlsruhe verschenkt und über öffentliche Bücherschränke verteilt. Verkaufen via eBay & Co. kommt für mich nicht in Frage, solange es so viele bedürftige Menschen gibt, die viel ärmer sind als ich.

Minimalismusgeschichten 1

Das tödliche Auto

Jeder Tag ist ein Baustein
für die Ruine oder Kathedrale meines Lebens.
Rudi Lehnert

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Hosea Hargrove – I Love My Life

Lebenswert leben lernen

Brandeins – Kauf, du Arsch – Ausgabe 02/2014

Unser Problem ist nicht, das zu produzieren, was der Konsument braucht, sondern den Konsumenten dazu zu bringen, alles zu verbrauchen, was produziert wird. Daher die blühende Werbung. Um den Höhlenmenschen oder den primitiven Indianern Appetit zu machen, brauchte es keine Werbung. Damit die Produktion aufrecht erhalten werden kann, ist es heute notwendig, den Menschen einzureden, daß sie einen schnelleren Wagen, mehr erotische Unterwäsche, mehr persönlichen Luxus haben müssen – lauter künstlich erzeugte Bedürfnisse. – André Maurois

Es ist schon eindrucksvoll, wenn ein Mensch sich dazu aufrafft zu sagen: Ich habe wie ein Narr gelebt, aber nun hat es ein Ende damit, und ich will wie ein Mensch sterben. – William Morris

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Snowy White’s Blues Agency – Change My Life

Herzlich : Lesenswert : Willkommen

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