Lesenswert : Netzgeschichten 3

Selig, wer sich nicht in das Gewühl zu mischen braucht und in der Stille auf die Gesänge seines Geistes horchen darf. – Friedrich Schlegel

Netzgeschichten 3

Wenn Sie Englisch können, sollten Sie sich den Essay How to Live More Wisely Around Our Phones nicht entgehen lassen. Gehört zum Schlausten, was ich über Smombies je gelesen habe. Aber auch die anderen Artikel, die ich hier zwecks Besinnung für Sie zusammengetragen habe, belohnen Ihre Aufmerksamkeit mit so macher weisen Einsicht in unseren „modernen Lebensstil“ bzw. reichlich degenerierten Lifestyle.

Die Zahl des Tages : 88

Warum dein Handy schuld daran ist, dass du Single bist: Unsere Smartphones sind längst mehr als nur Kommunikationsgeräte, sie sind ein Distinktionsmerkmal. Das hat Folgen: Mit kaputtem Display oder einem Uralt-Modell ruinierst du dein erstes Date genauso wie mit ungewaschenen Haaren.Diese These ist dir zu steil? Die Wissenschaft zeigt, dass dein Smartphone mehr über dich sagt, als du denkst. – ze.tt

#Emma hashtagt für facebook, google, Instagram, Orkut, Pinterest, Kickstarter, Sina Weibo, Tumblr, Twitter. Emma weiß warum. Emma bastelt an ihrer Karriere. Wenn Emma, deren Nachname wir aus Datenschutzgründen hier verschweigen, ihre Hashtags alle gesetzt hat, weiß jeder, wozu Emma befähigt ist: zu allem! Ihre #Intelligenz, ihre geistige #Eloquenz und ihr unnachahmlicher EQ zeigt uns Emma bei jeder ihrer #Kurzmeldungen. Emmas tägliche #Hashtag-Lawine zeigt langsam Wirkung. Sie kommt einer steigenden #Bekanntheit im# Internet immer näher. Durch den #Erfolg des Aufschrei –Hashtags beflügelt, twittert sie nun ihre bedeutungsvollen Botschaften durch die Weltgemeinde in der sicheren Gewissheit, dass diese Gemeinde bald sehr an ihr und ihrem Wissen interessiert sein wird. Ja, alle warten auf Emma! Sie wissen es bloß noch nicht. – Gutzitiert

Nelli ist süß. Das soll die ganze Welt wissen. Nelli muss unbedingt vorgestellt werden. Sie ist immerhin schon 6 Tage, 3 Stunden und vier Minuten auf der Welt. Jeder soll sehen, wie dicht ihr feines Haar ist, wie rosig die Wangen und wie knuddelig die kleinen Fäustchen. Also wird Nelli fotografiert. Nicht einmal, zweimal, zehnmal. Sondern eigentlich ständig. Immerzu neu. In immer anderen Posen. Darauf wartet die Welt!, meinen ihre stolzen Eltern. – Gutzitiert

Kein Wind ist demjenigen günstig,
der nicht weiß, wohin er segeln will.
Michel de Montaigne

Das Smartphone muss nicht gleich zum neuen Partner werden, es reicht schon, dass wir damit Uhr, Kalender, Bücher ersetzt haben und dabei süchtig geworden sind. Ständig schauen wir auf den Bildschirm, obwohl wir gerade nichts brauchen. Aus Gewohnheit. Aus Langweile. Um uns noch einmal zu versichern, wie viele Bekannte wir haben. Und oft ist nicht der Partner, sondern das kalte Display das Erste und das Letzte, was wir jeden Tag berühren. Längst sind wir nicht mehr auf reale Konkurrenten eifersüchtig, sondern auf die Zeit, die unser Partner mit seinem Handy verbringt. – SZ

Facebook ist das Opium unserer Generation. Für einsame Menschen, die sich der Illusion hingeben, wichtig zu sein. – Frédéric Beigbeder

Der Mensch wird von immer mehr Informationen attackiert, die für ihn immer weniger Bedeutung haben. – Andrzej Majewski

Ständig posten was man macht, wie man es macht, ständig auf der Suche nach Likes und damit nach Bestätigung. Ständig damit beschäftigt, andere zu bewerten. Der Fachausdruck: performative Ökonomie: der Drang, sich ständig selbst darstellen zu müssen.

Die meisten Eltern stehen den Onlineaktivitäten ihrer Kinder voller Sorge, doch vor allem hilflos gegenüber. Die Eltern – häufig selbst User mit Suchtpotential – statten ihre Kinder viel zu früh mit Smartphones aus, ohne sich überlegt zu haben, wie sie das Medienverhalten kontrollieren oder begleiten wollen. Und manchmal ist es nur ein Klick, eine Sekunde Unaufmerksamkeit, mit weitreichenden Folgen. Diese Katastrophen können die für den Freund bestimmten Fotos sein, die dann im Gruppenchat landen, das unerlaubte Video über den Lehrer, das sich wie ein Lauffeuer im Netz ausbreitet und zum Schulverweis führt. Der einzige Weg, den Gefahren des digitalen Netzes zu begegnen, ist Medienkompetenz, und zwar auf beiden Seiten. – SWR 2

Bildung im zwanzigsten Jahrhundert erfordert vor allem und zunächst die instinktsichere Abwehr überzähliger Informationen. – Hans Kasper

In der Gesellschaft ist alles danach angetan, mich herunterzuziehen; in der Stille, mich zu steigern. – Nicolas Chamfort

Seit das Smartphone immer dabei ist, sind wir nie ganz da, wo wir gerade sind. App-Entwickler, Psychologen und Avantgardisten aller Art suchen nach Wegen in das Hier und Jetzt. Der Eintritt in die Unerreichbarkeit kostet sieben Euro. Sie ist zu finden an einem magischen Ort mitten in Paris mit dem mysteriösen Namen „Seymour+“. Hinter einer nichtssagenden Fassade an einem viel befahrenen Boulevard wartet ein Erlebnis, das weder im Louvre noch auf dem Eiffelturm zu haben ist: die Erinnerung daran, wie sich ein Leben ohne Smartphone anfühlt. Seymour+ ist „ein Zufluchtsort für Gedanken, ein Raum ohne Technologie und andere Ablenkungen“, heißt es auf der Website, die selbst so ein Offline-Versteck natürlich braucht. Besucher werden dazu eingeladen, vorübergehend „ihre Verbindung zum Internet zu kappen und sich wieder mit sich selbst zu verbinden“. Also werden alle Handys und sonstiger Alltagsballast in Schließfächern gleich neben dem Eingang verstaut, auch Armbanduhren und Kameras kommen hinein. – ZEIT

Netzgeschichten 3

Es bedarf der Mensch, der gewöhnlich sein Leben in Zerstreuung und Leichtsinn vor sich hinlebt und immer voraneilt, ohne zu wissen, was ihn eigentlich treibt und was er eigentlich will, in seinem Laufe von Zeit zu Zeit angehalten und zu sich selbst zurückgeführt zu werden; es bedarf eines Steines am Wege, auf den er sich hinsetze und in sein vergangenes Leben zurücksehe. – Matthias Claudius

Herzlich : Lesenswert : Willkommen

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