Lesenswert : Arbeitsgeschichten 2

Arbeit: Eines der Verfahren,
durch die A Eigentum für B erwirbt.
Ambrose Bierce

Arbeitsgeschichten 2

Nach der Arbeitsgeschichten 1. Teil nun also die Fortsetzung einer weiteren unendlichen Geschichte, denn die Geschichte der Arbeit wird gerade radikal umgeschrieben und ein Ende ist nicht absehbar: der Mensch verliert als Arbeitstier an Bedeutung, der Roboter übernimmt seinen Job. Was nun?

Arbeit wird in den nächsten Jahren eine fundamentale Transformation vollziehen. Die Fortschritte künstlicher Intelligenz und Computertechnologie stellen die Idee von Arbeit auf den Prüfstand. Die Roboter halten Einzug in die Wirtschaftswelt. Die Automatisierung schreitet immer schneller voran. Die Ökonomen Carl Frey und Michael Osborne haben in einer vielbeachteten Studie ausgerechnet, dass 47 Prozent aller Jobs in den USA in den kommenden 10 bis 20 Jahren von intelligenten Robotern oder Software ersetzt werden könnten. Die Sorge vor einem Arbeitsplatzverlust durch Roboter ist größer denn je. „Nehmen Roboter den Menschen die Arbeit weg?“ sind Tausende Artikel überschrieben, untermalt mit apokalyptischen Untertönen. – ZEIT

Die einen „leben“ vom gesetzlichen Mindestlohn, andere streichen 3.100 Euro Rente ein – PRO TAG! Oder kassieren Millionen fürs Nichtstun und später dann 60.000 Euro Rente – MONATLICH! Oder: Die Deutsche Bank zahlt wegen Steuerhinterziehung 95 Millionen Dollar Strafe und 7,2 Milliarden Dollar wegen fauler Hypothekenpapiere – womit man besser den Lohn der Putzfrauen & Fensterputzer aufgestockt hätte. Und und und… Dem sozialen Frieden sind diese Sauereien nicht gerade zuträglich.

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!
Georg Büchner

Martin Winterkorn

Unter der Führung von Martin Winterkorn geriet der Volkswagen-Konzern in die größte Krise seiner Geschichte in der Nachkriegszeit. Seine Altersbezüge fallen trotzdem üppig aus: 93.000 Euro Betriebsrente im Monat oder eben 3100 Euro am Tag.FAZ

Zum Reichtum führen viele Wege.
Und die meisten sind schmutzig.
Cicero

Die Grünen im Bundestag wollen Ruhegehälter von Managern wie dem früheren VW-Chef Martin Winterkorn begrenzen. „Die Auswirkungen aus dem VW-Abgasskandal bekommen die Beschäftigten gerade voll zu spüren, da sorgen die exorbitanten Rentenansprüche von Ex-Chef Winterkorn zu Recht für große Empörung“, sagte die stellvertretende Fraktionschefin Kerstin Andreae.

Das Ruhegehalt für Winterkorn hatte für Empörung gesorgt. Der frühere VW-Chef bekommt rund 1,2 Millionen Euro im Jahr oder umgerechnet knapp 3100 Euro am Tag. Für einen Teil davon müssten die Steuerzahler aufkommen.

Auch aus anderen Parteien kam Kritik: In der „Bild“-Zeitung monierte der stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP Wolfgang Kubicki den fehlenden „Anstand“ von Winterkorn. Und CDU-Präsidiumsmitglied Karl-Josef Laumann sagte, Winterkorn „zerstöre das Vertrauen der normalen Bevölkerung in unser gesamtes Wirtschaftssystem“. – FAZ

Raffgier und Unvernunft
in unseren Wünschen richten uns zugrunde.
Fjodor Dostojewski

Des Teufels Netzwerk in der Welt
hat nur den einen Namen – „Geld“.
Hugo von Hofmannsthal

Der Lkw-Vorstand Andreas Renschler hat von Volkswagen nach einem Bericht von „Bild am Sonntag“ (BamS) Millionen fürs Nichtstun erhalten und zusätzlich Anspruch auf eine außergewöhnlich hohe VW-Rente. Für das Jahr 2014, in dem er nur einen Monat arbeitete, erhielt er von Daimler 742.000 Euro. Weil der damalige VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch ihn unbedingt haben wollte, so heißt es laut „BamS“ im Aufsichtsrat, zahlte ihm VW 11,5 Millionen Euro als Extraprämie für den Wechsel.

Zudem hat Renschler laut „BamS“ auch eine besondere Pensionsregelung ausgehandelt. Der 58 Jahre alte Manager darf bereits mit 62 Jahren und damit ein Jahr früher als seine Vorstandskollegen mit vollen Bezügen in Rente gehen. Dann hat er Anspruch auf 70 Prozent seines Fixgehaltes, das derzeit bei gut einer Million Euro liegt. So kommt Renschler nach nur fünf VW-Jahren auf eine monatliche VW-Rente von rund 60.000 Euro, die er zusätzlich zu seiner Daimler-Altersversorgung erhält. „Er hat gut verhandelt“, heißt es in Wolfsburg, „für einen Top-Manager muss man nun mal viel Geld hinblättern.“ – FAZ

Die Schere zwischen Arm und Reich ist inzwischen so groß, dass das reichste Prozent der Weltbevölkerung über so viel Vermögen verfügt wie der ganze Rest zusammen.

Die Zahlen des aktuellen Oxfam Reports machen deutlich, wie sehr die Kluft in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Zum Beispiel verfügten 2015 nur 62 Menschen über ebenso viel Vermögen wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – also 3,5 Milliarden Menschen. Ein Jahr zuvor lag das Verhältnis noch bei 80 zu 3,5 Milliarden.

Seit 2010 ist das Vermögen der Superreichen um sagenhafte 44 Prozent oder etwa 540 Milliarden Dollar gestiegen. Das Vermögen der ärmeren Hälfte aber sank im gleichen Zeitraum um 41 Prozent oder rund eine Billion Dollar. – ZEIT

Wozu, so fragt man sich, Reichtum, Wohlstand, Macht,
wenn alles dies die Menschen nur verflacht?
Christian Morgenstern

Auch heute ist Arbeit immer noch ein zentraler Wert, der nicht nur unser Leben, sondern auch die Gesellschaft zusammenhält. Noch nie war sie so gut wie heute und doch scheint es, als wäre sie schlimmer und trostloser denn je. Das zeigt Jahr für Jahr die Gallup-Studie. Wäre ihr Job eine Ehe, hätten ungefähr 25 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland vermutlich schon längst die Scheidung eingereicht. Laut der Untersuchung haben viele Beschäftigten entweder „innerlich gekündigt“ oder machen nur „Dienst nach Vorschrift“. Auf der anderen Seite stehen jene, die für ihren Job brennen (oftmals bis sie ausgebrannt sind) und – passend zur Haltung einer wachstumsfixierten Ökonomie – behaupten, ihre Arbeit sei „momentan das Wichtigste in ihrem Leben“. – ZEIT

Immobilienmakler, Unternehmensberater, Investmentbanker: Sie sind die Hofnarren des Kapitalismus, sagt der Anthropologe David Graeber. Er nennt sie Bullshitjobs. Der Anthropologe und Occupy-Vordenker David Graeber hat das Unbehagen über die Blödsinnigkeit der Dienstleistungsjobs vor einiger Zeit in eine Theorie gepackt. Gesellschaftlich sinnvolle Arbeit, so Graber, sterbe zunehmend aus – automatisiert, computerisiert, wegrationalisiert. Sie wird ersetzt durch gesellschaftlich sinnlose Arbeit, so erkennbar hirnrissig, dass die Arbeitenden unmöglich selbst noch an sie glauben können. Graeber tauft das Phänomen: Bullshitjobs.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ermittelt regelmäßig, als wie sinnvoll Arbeitnehmer ihre Jobs empfinden. Eine nicht ganz unerhebliche Minderheit von 35 Prozent hat demnach zwar den Eindruck, mit ihrer Arbeit keinen oder einen unwesentlichen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, also eine Tätigkeit zu verrichten, auf die Welt eigentlich verzichten kann. Allerdings vollbringen viele von ihnen das Kunststück, ihren Job auch ohne gesellschaftliche Relevanz für erfüllend zu halten: Nur 14 Prozent geben an, dass sie sich nicht oder kaum mit ihrer Arbeit identifizieren. Wir müssen uns Sisyphus als glücklichen Angestellten vorstellen.

Vielleicht ist am Ende dies der Verdienst des Schlagwortes Bullshitjob: Es lenkt unseren Blick darauf, dass Unsummen auf dem Gehaltszettel noch nichts über die Sinnhaftigkeit aussagt. Und dass der Ausdruck Bullshitjobs am besten als Kampfbegriff taugt, als Forderung von unten nach oben, an die gerichtet, die sich in Strategierunden im Glanz ihrer Bedeutsamkeit sonnen: Wenn ihr das ernsthaft für einen vernünftigen Beitrag zur Gesellschaft halten wollt, dann gebt auch uns die Möglichkeit, unsere Arbeit so zu sehen. Gebt uns anständige Verträge. Sorgt für gute Bedingungen. Bezahlt uns ordentlich.ZEIT

Ist Digitalisierung die neue Atombombe? Yvonne Hofstetter ist wahrlich nicht zimperlich, wenn es darum geht, die Folgen einer unkontrollierten und unregulierten digitalen Transformation unserer Gesellschaft aufzuzeigen. Die Datenexpertin sieht schwarz für die Demokratie, wie wir sie kennen, wenn sich unsere Gesellschaft weiter ohne Bedenken GAFAM an den Hals wirft. GAFAM? Das Akronym steht für Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft.

„Der freie, selbstbestimmte Mensch der Aufklärung vergreist, der digitalisierte Mensch, Homo informaticus, der selbst nicht mehr als eine neuro-biochemische Maschine ist, greift immer mehr um sich und verdrängt seine Vorläufer rasch.“ Hofstetter, die mit ihrer Firma seit Jahren selbst Datenanalysen anbietet, ist zu einer der prominentesten Mahnerinnen der negativen Folgen von Künstlicher Intelligenz (KI) geworden. – WELT

Die Japaner haben offenbar weniger Bedenken gegen die Automatisierung als die Deutschen: Ein Versicherer dort ersetzt kurzerhand fast ein Drittel der Belegschaft durch IBMs Watson-System. Er ist kein Einzelfall. Kostet die künstliche Intelligenz Arbeitsplätze? Die Sorge treibt viele Menschen im Westen um. In Japan sind Bedenken gegenüber neuer Technik generell und auch gegenüber der künstlichen Intelligenz weniger verbreitet. Das liegt nicht nur daran, dass dem Land mit seiner alternden Bevölkerung Arbeitskräfte verloren gehen. – FAZ

Paul ist ein Roboter, ein Prototyp des digitalen Verkäufers, ausgestattet mit dem gewaltigen Datenbank-Wissen über jedes Produkt, das man hier kaufen kann. Paul soll Kunden helfen und ihnen eine Vorstellung vom Einkaufserlebnis der Zukunft vermitteln. So verspricht es Saturn.

Also beschließe ich, Paul zu besuchen, mich selbst mit ihm zu messen und nebenbei die letzte große Frage zu Evolution und Shopping zu beantworten. Was überzeugt mehr beim Einkaufstest: Auge oder Sensor? Füße oder Rollen? Hirn oder Harddrive? Mensch oder Maschine?

Aus Sicht der menschlichen Kollegen stellen sich ganz andere Fragen. Zum Beispiel, ob Paul eine neue Konkurrenz für ihren Arbeitsplatz bedeutet. Ökonomisch haben Roboter Vorteile, sie brauchen keine Pausen, werden nicht krank, gründen keinen Betriebsrat und machen niemals Feierabend. Wie lange werden noch Menschen bei Saturn arbeiten?ZEIT

Nicht der Süden wäre zu „entwickeln“, sondern der Norden müsste materiell abgerüstet werden. Nur so kann er dem Süden ein Stück Würde zurückgeben, ohne unerfüllbare Träume zu wecken. Eine bloße Übertragung des European Way of Life – ganz gleich ob durch internationalen Handel, Entwicklungspolitik oder Einwanderung – kann nur im ökologischen Fiasko enden.ZEIT

Das Leben geht weiter! Und manchmal denkt man: Das ist ja gerade das Blöde. – Paul Mommertz

Das Leben geht weiter. Abgesehen von Selbstmord hat man kaum eine Möglichkeit, dagegen etwas zu tun.
Matthew Stokoe

Nach dem Suizid einer Mitarbeitern räumt der Chef der Agentur Dentsu seinen Posten. Mehr als 100 Überstunden soll sie in einem Monat gemacht haben. Kein neues Problem in Japan. – FAZ

Arbeitsgeschichten 2

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