Urs Widmer räsoniert über Gott und die Welt

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Urs Widmer – Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück

Soweit der Titel. Und „Der Titel ist Programm. Widmer schreibt über das, was uns am nächsten ist. Welche Rolle spielt für uns das Geld? Wie definieren wir uns durch die Arbeit? Was macht uns Angst? Was glücklich?“ Soweit der Klappentext.

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Urs Widmer (1938 bis 2014) ist ein vielfach ausgezeichneter Schweizer Schriftsteller, Essayist & Übersetzer.

Urs Widmers „Top Dogs“ – Vom Einsteigen, Aufsteigen & Absteigen

Urs Widmer: Sehen Sie sich die Börsenberichterstattung im Fernsehen an. Alles eindeutig. Alles richtig. Alles sytemnotwendig. Es ist pervers.

Wirtschaftswoche: Pervers?

Urs Widmer: Weil die TV-Ökonomen mit heiligen Ernst von Dingen reden, die vollkommen fiktiv sind. Sie liefern Spielkasinoberichte, tun aber so, als sprächen sie aus den Heilszentren dieser Welt. Dieser Optimismus im Dienst der Sache kommt mir wie das Pfeifen im Wald vor. Wir sind bereit, alles, auch das Absurdeste zu glauben, wenn es nur unsere Ängste bannt. Die hysterische Selbstbejahung der Wirtschaft rührt gerade daher, dass das System in Wirklichkeit aufs äußerste gefährdet ist. Denn niemand weiß, wie viel Geld es überhaupt auf Erden gibt, wo es ist und was es dort tut. Man weiß es kaum vom eigenen Geld. Ich wundere mich immer wieder, daß die gleichen Leute, die sich als mündige Bürger verstehen, sich schier widerstandlos Tag für Tag in eine Arbeitswelt begeben, in der nichts oder kaum etwas demokratisch geregelt ist. Am wenigsten die Verteilung des erwirtschafteten Geldes.

Urs Widmer räsoniert in seinen Essays also über Gott und die Welt. Hören wir ihm mal kurz zu, was er uns über Gott, den Schlaf, die Moral, die Schriftsteller und über Leben & Tod zu sagen hat. Ohren offen? Dann los!

Gott also zuerst. Alles spricht dafür, daß es ihn nicht gibt. Er ist eine Erfindung von uns Menschen und trägt deshalb, wenn wir uns ein Bild von ihm machen, stets die Züge unserer Zeit. Bei den Neandertalern hatte er eine niedrige Stirn und eine Keule in der Hand, und einen weißen Bart. Zur Zeit Karls des Großen sah er wie Karl der Große aus, mit einem weißen Bart. In meiner Kindheit glich er meinem Großvater, mit einem weißen Bart. Erst heute ist er eine schwarze Frau, hie und da.

Offenbar gibt es in uns – wie aufgeklärt wir auch seien – ein unbremsbares Bedürfnis, über Gott nachzusinnen. Über Götter und Göttinnen. Daß wir in einer hilf- und schutzlosen Welt irgendwo Schutz und Hilfe erhoffen dürfen, ist ein zu verführerischer Gedanke. Wir gehen fast drauf ohne ihn. Ganz allein, nur auf die eigenen Bordmittel angewiesen, ist ein Leben schwer zu meistern.

Der Schlaf sei der kleine Bruder des Todes, sagt eine Volksweisheit. Aber viel eher ist er der Hüter des Lebens: Ohne ihn stürben wir. Der Schlaf, dieser einst heilige Zustand, hat heute, wenn wir ihn überhaupt wahrnehmen, etwas wahrhaft Anachronistisches. Da fliegen wir zum Mond und mailen nach Montevideo und schneiden das Brot mit Laserstrahlen – und legen uns alle sechzehn Stunden gähnend irgendwohin und sind weg. Alle! Was hat der Schlaf in unserer beherrschbar gewordenen und gleichzeitig aus den Fugen gehenden Welt verloren? Dieser Kontrollverlust, während dem wir dem Mafiaboss sein Portemonnaie und der Frau des Nachbarn einen Kuß rauben können?

In der Tat sieht es mit jener Moral, die uns öffentlich etwas angeht, nicht gut aus. Politiker können in einem halben Hundert Verwaltungsräten sitzen und sehen keinerlei Probleme in bezug auf ihr Amt. Anwälte beraten gleichzeitig die eine und die andere Seite und sind Mitglieder der Gremien, die das Treiben beider Seiten überwacht. Operndirektoren sammeln Gelder für eine glanzvolle Traviata oder ein noch goldeneres Rheingold und behalten einen Happen davon für sich. Finanzberater setzen ihre Spekulationen in den Sand und fahren dennoch einen Ferrari. Nur ihre Kunden, deren Geld sie vertan haben, bleiben in ihrem VW Polo hocken.

Schriftsteller, Dichter gar, sind Menschen ohne Macht. Die Macht des Wortes, von der man zuweilen spricht, ist eher eine Hoffnung oder ein Trost als etwas Wirkliches. Wer hat schon gehört, daß das Wort gegen einen Mächtigen etwas bewirkt hätte? Gut, „im Anfang war das Wort“, damals vielleicht. Aber danach, als nicht mehr nur das Wort war, sondern auch die Tat und das Geld und der Mord, da sah es für das Wort schon viel schlechter aus. Seither haben wir Schreiber jene Partien, die wir gegen tatsächlich Mächtige zu spielen wagten, fast immer verloren.

Man stirbt nur einmal, das dafür mit Garantie. Der Tod bleibt der Skandal allen Lebens. Nichts, nichts, nichts ist unverstehbarer als der Tod. Menschen sterben, Menschen werden geboren, verhungern, lachen, schießen mit Schnellfeuerwaffen auf andere Menschen, brüllen Parolen, schlafen, werden an Bäumen aufgehängt, essen Suppe, ersticken in einem Stollen bei hundertfünfzig Grad Flitze, springen von Brücken in den Tod, erzählen einen Witz – und alles, verteilt über einen ganzen Erdball – jetzt, gerade jetzt. Wüßten wir wirklich, was gerade jetzt auf Erden geschieht, wir brächen zusammen. Wir sehen nicht nur so wenig, weil ein Maulwurf nun einmal nicht weiter als bis zum nächsten Haufen sieht, sondern auch, weil wir blind sein wollen.

Urs Widmer öffnet uns mit seinen Essays die Augen…

Urs Widmer

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