Über Frauen, Männer & Affen

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Wie viele Männer verheiraten sich, ohne zu wissen, was eine Frau ist! Als lebenslängliche Kinder scheiden sie aus dem Leben mit leeren Händen. — Honoré de Balzac

Über Frauen, Männer & Affen

Die physische Liebe ist ein Bedürfnis, das dem Hunger gleicht, mit dem Unterschied jedoch, daß der Mensch immer ißt, daß aber in der Liebe sein Appetit nicht so ausdauernd und nicht so regelmäßig ist wie bei Tische.

Ein Stück Schwarzbrot und ein Krug Wasser stillen den Hunger eines jeden Menschen; aber unsere Kultur hat die Gastronomie geschaffen.

Die Liebe hat ihr Stück Brot, aber sie verfügt auch über jene Kunst des Liebens, die wir Koketterie nennen. Nun, haben nicht alle Ehemänner nicht einigen Anlaß zu zittern, wenn sie daran denken, daß der Mensch von Natur ein Bedürfnis hat, Abwechslung in seine Kost zu bringen?

Allein der Hunger ist nicht so heftig wie die Liebe; die Launen der Seele sind viel zahlreicher, viel prickelnder, viel raffinierter in ihrer Heftigkeit als die Launen der Gastronomie; und alles, was die Dichter und das Leben uns über die menschliche Liebe offenbart haben, bewaffnet unsere Junggesellen mit einer furchtbaren Macht: Sie sind die Löwen des Evangeliums, die brüllend einhergehen und eine Beute zum Verschlingen suchen.

Möge einmal jeder sein Gewissen prüfen, in seinen Erinnerungen nachsuchen und sich fragen, ob ihm jemals ein Mann begegnet ist, der sich mit der Liebe einer einzigen Frau begnügt hätte!

Welcher Ehemann wird jetzt noch ruhig an der Seite seiner jungen hübschen Frau schlafen können, wenn er vernimmt, daß mindestens drei Junggesellen auf der Lauer liegen? Wenn sie auf seiner kleinen Besitzung auch noch keinen Schaden angerichtet haben, so betrachten sie doch die Verheiratete als eine Beute, die ihnen von Rechts wegen zukommt und die ihnen früher oder später auch zufallen wird, entweder durch List oder durch Gewalt, und die sie mit dem Rechte des Eroberers oder mit freier Zustimmung erlangen werden. Und es kann nicht anders sein, als daß sie eines Tages siegreich aus diesem Kampf hervorgehen.

Ei, mein lieber Freund: Wer da hat Land, hat auch Kriegsbrand. Die Männer, die nach deinem Gelde trachten, sind noch weit zahlreicher als diejenigen, die nach deiner Frau trachten.

Wir wollen betrachten, welche Aussichten im allgemeinen jeder Mann hat, wenn er eine Ehe eingeht, und vor allem die Umstände untersuchen, die in dem Kriege, aus dem unser Kämpe als Sieger hervorgehen soll, seine Kräfte schwächen.

Die Erfahrung lehrt, daß gewisse Klassen von Ehemännern besonders bevorzugte Opfer der illegitimen Leidenschaften werden. Diese Ehemänner und ihre Frauen bilden eine Aristokratie etwas eigentümlicher Art. Sollte irgendein Leser sich in einer dieser aristokratischen Klassen befinden, so werden er oder seine Frau – wenigstens hoffen wir es – Geistesgegenwart genug besitzen, sich sofort des Satzes: „Keine Regel ohne Ausnahme“ zu entsinnen. Ein Hausfreund kann sogar den Spruch zitieren: „Die Anwesenden sind immer ausgenommen.“ Und alsbald wird ein jeder von ihnen im stillen Innern das Recht haben, sich für eine Ausnahme zu halten.

Aber unsere Pflicht, unsere Teilnahme für die Ehemänner und unser Wunsch, alle die vielen jungen und hübschen Frauen vor den Launen und Unannehmlichkeiten zu bewahren, unter denen ein Liebhaber sie wird leiden lassen, dies alles nötigt uns, die Ehemänner, die sich ganz besonders in acht nehmen müssen, in Reih und Glied aufmarschieren zu lassen. In dieser Aufzählung müssen die erste Stelle jene Ehemänner einnehmen, die durch ihre Geschäfte, Ämter oder Dienstobliegenheiten zu bestimmten Stunden und während einer bestimmten Zeit vom Hause ferngehalten werden. Diese werden das Banner der Gilde zu tragen haben.

Gleich hinter den Leuten, die sich zu bestimmter Stunde aus ihrer Wohnung entfernen müssen, kommen jene, denen umfangreiche und ernste Geschäfte keine Minute Zeit lassen, um liebenswürdig zu sein; ihre Stirnen sind stets sorgenvoll, ihre Unterhaltung ist selten heiter.

An die Spitze dieser zum Hörnertragen besonders veranlagten Scharen stellen wir jene Bankiers, die fortwährend mit Millionen arbeiten, deren Kopf dermaßen mit Berechnungen angefüllt ist, daß schließlich die Zahlen die Hirnschale durchdringen und sich in Additionsreihen über ihrer Stirn erheben.

Diese Millionäre vergessen die meiste Zeit die heiligen Gesetze der Ehe und die Pflege, auf die die von ihnen zu hegende zarte Blume Anspruch macht, und denken niemals daran, sie zu begießen, sie vor Frost oder Hitze zu bewahren. Kaum wissen sie, daß das Glück einer Gattin ihnen anvertraut worden ist; sie erinnern sich höchstens daran, wenn sie bei Tische eine reich geschmückte Frau vor sich sehen oder wenn die Kokette anmutig wie Venus zu dem gefürchteten groben Brummbär kommt, um einen Griff in seine Kasse zu tun… Oh! Dann erinnern sie sich manchmal am Abend recht deutlich der im Artikel 213 des Code Civil näher bezeichneten Rechte. Und ihre Frauen erkennen diese Rechte an; aber es ist damit wie mit den hohen Zöllen, die auf ausländische Waren gelegt werden: sie dulden diese Rechte und finden sich damit ab, nach dem Sprichwort: „Ohne Leid kein Freud!“

Die Gelehrten, die ganze Monate damit verbringen, an dem Knochen eines vorsintflutlichen Tieres herumzunagen, die Gesetze der Natur zu berechnen oder deren Geheimnisse zu erspähen; die Griechen und Lateiner, deren Mittagessen ein Gedanke aus dem Tacitus, deren Abendessen ein Satz aus dem Thukydides ist, die ihr Leben lang auf der Jagd nach einem Manuskript oder einem Papyrus den Staub der Bibliotheken schlucken, sind lauter Prädestinierte. Von dem, was um sie her vorgeht, merken sie niemals etwas, so sehr sind sie fortwährend in ihre Arbeit vertieft oder in ihre Ekstase. Und wenn ihr Unglück sich am hellen Mittag vollzöge, sie würden es kaum sehen. Glückliche! O tausendmal Glückliche!

Dann kommen, die Leier in der Hand, einige Poeten, deren animalische Kräfte alle miteinander den Zwischenstock verlassen haben, um das höhere Stockwerk zu beziehen. Da sie den Pegasus besser zu reiten verstehen als die Stute meines Freundes Pierre, so verheiraten sie sich selten; sie sind gewöhnt, von Zeit zu Zeit einmal an einer vagabundierenden oder nur in ihrer Einbildung vorhandenen Chloris ihren Liebesdrang auszulassen.

Aber die Männer, deren Nase mit Tabak behandelt ist; aber die rauchenden oder priemenden Seeleute; aber die Leute, die infolge ihres barschen und galligen Charakters immer aussehen, als hätten sie einen sauren Apfel gegessen; aber die Männer, die in ihrem Benehmen einige zynische Unarten, die gewisse Angewohnheiten haben, die immerzu unsauber aussehen; aber die Ehemänner, die man mit dem schimpflichen Beinamen „Bettwärmer“ belegt; und endlich die Greise, welche junge Mädchen heiraten; alle diese Leute sind in hervorragendem Maße prädestiniert!

Noch eine letzte Klasse von Prädestinierten gibt es, die ebenfalls ihres Unglückes beinahe gewiß sind. Wir meinen die Plagegeister und Nörgler, die Topfgucker und Haustyrannen, die ganz merkwürdige Ideen über häusliche Herrschaft haben, die ganz offen von den Frauen schlecht denken und vom Leben nicht mehr verstehen, als ein Maikäfer von der Naturgeschichte. Die Ehen dieser Leute gleichen einer Wespe, der ein Schuljunge den Kopf abgeschnitten hat und die bald hier, bald da gegen eine Fensterscheibe anstößt.

Selten beobachte ich in den Salons die schnurrigen Ehemannsgestalten, von denen es dort wimmelt, ohne daß mir eine Szene ins Gedächtnis kommt, an der ich einmal in meiner Jugend meinen Spaß hatte.

Ich weiß nicht, ob schon jemand wie ich das Vergnügen gehabt hat, einen Affen zu sehen, der das Geigenspiel zu lernen versucht; aber noch jetzt, nun ich nicht mehr so viel lache wie in jenen sorglosen Tagen, kann ich niemals ohne ein Lächeln an meinen Affen denken. Zunächst packte der Halbmensch das Instrument mit derber Faust und beschnüffelte es, wie wenn er einen Apfel hätte essen wollen. Wahrscheinlich entlockte die Atmungstätigkeit seiner Nase dem tönenden Holz einen leisen Wohlklang; denn jetzt wiegte der Orang-Utan seinen Kopf, drehte die Geige hin und her, hob und senkte sie, hielt sie mit steifem Arm von sich ab, schwenkte sie, legte sie an sein Ohr, ließ sie fallen und fing sie wieder auf – und dies alles mit einer Gelenkigkeit und Schnelligkeit, wie sie nur diesen Tieren eigen sind. Er befragte das stumme Holz mit einer dummschlauen Miene, die etwas merkwürdig Unverständliches an sich hatte. Endlich versuchte er auf höchst groteske Art, die Geige unter sein Kinn zu klemmen, indem er mit der einen Hand den Hals hielt; aber wie ein verzogenes Kind wurde er bald einer Übung müde, die eine schwer zu erlangende Geschicklichkeit erforderte, und rupfte nur an den Saiten, ohne ihnen etwas anderes entlocken zu können als grelle Mißtöne. Jetzt wurde er ärgerlich, legte die Geige auf die Fensterbrüstung, packte den Bogen und begann ihn heftig hin und her zu stoßen, wie ein Steinmetz, der einen Stein sägt. Da auch dieser neue Versuch seine verständnisvollen Ohren nur noch mehr belästigte, packte er den Bogen mit beiden Händen und schlug aus Leibeskräften auf das unschuldige Instrument ein, die Quelle von so viel Lust und Wohllaut. Er kam mir vor wie ein Schüler, der einen Kameraden unter sich hat, dem er zur Strafe für eine Niederträchtigkeit schnell, aber wohlgezielt eine gehörige Tracht Prügel verabfolgt. Nachdem die Geige verurteilt und hingerichtet worden war, setzte sich der Affe auf ihre Trümmer und ergötzte sich mit einer stumpfsinnigen Freude daran, sich mit dem zerbrochenen Bogen durch den blonden Pelz zu fahren.

Seit diesen Tagen habe ich das Ehewesen der Prädestinierten niemals mit ansehen können, ohne die meisten Männer mit diesem Orang-Utan zu vergleichen, der die Geige spielen wollte.

Die Liebe ist die melodiöseste aller Harmonien, und eine Ahnung davon ist uns allen angeboren. Die Frau ist ein köstliches Instrument der Lust, aber man muß die erzitternden Saiten kennen, muß lernen, wie es anzusetzen ist, wie mit wechselndem Fingersatz die Töne zu meistern sind. Wie viele Orangs… Männer, wollte ich sagen… verheiraten sich, ohne zu wissen, was eine Frau ist! Wie viele Prädestinierte haben sie behandelt, wie der Affe seine Geige! Sie brachen das Herz, das sie nicht verstanden, wie sie das Kleinod, dessen Geheimnis ihnen unbekannt war, schändeten und verachteten. Als lebenslängliche Kinder scheiden sie aus dem Leben mit leeren Händen; sie haben vegetiert, haben von Liebe und Lust gesprochen, von Ausschweifung und Tugend, wie die Sklaven von der Freiheit sprechen. Fast alle haben sich verheiratet, ohne von der Frau und von der Liebe auch nur die allergeringste Kenntnis zu besitzen. Sie haben in einem fremden Haus die Tür eingeschlagen und verlangt, im Salon eine gute Aufnahme zu finden! Aber der gewöhnlichste Künstler weiß, daß zwischen ihm und seinem Instrument – das doch nur aus Holz oder Elfenbein ist! – eine Art von unerklärbarer Freundschaft besteht. Er weiß aus Erfahrung, daß er Jahre gebraucht hat, um diese geheimnisvolle Beziehung zwischen einem unbelebten Stoff und sich selbst herzustellen. Er hat nicht beim ersten Versuch alle Freudenquellen und bösen Launen, alle Mängel und Tugenden seines Instruments geahnt. Erst nach langen Studien wird dieses für ihn eine Seele und eine unerschöpfliche Quelle des Wohllauts; wie zwei Freunde lernen sie einander erst nach den tiefsinnigsten Zwiegesprächen kennen.

Kann ein Mensch, der im Leben hockt wie ein Priesterschüler in seiner Zelle, die Frau verstehen und dieses wunderbare Noten-Abc lesen lernen? Kann das ein Mann, dessen Beruf es ist, für andere zu denken, über andere zu richten, andere zu regieren, andere zu bestehlen, andere zu ernähren, zu heilen, zu verwunden? Mit einem Wort, können alle unsere Prädestinierten ihre Zeit darauf verwenden, eine Frau zu studieren? Sie verkaufen ihre Zeit – wie sollten sie sie da aufs Glück verwenden? Das Geld ist ihr Gott. Man kann nicht zwei Herren zugleich dienen. Daher ist denn auch die Welt voll von jungen Frauen, die blaß und schwach, krank und leidend sich durchs Leben schleppen. Die Ehemänner aller dieser Frauen sind Dummköpfe und Prädestinierte. Sie haben sich ihr Unglück selber bereitet und darauf eine Sorgfalt verwandt, mit der ein Ehekünstler die köstlichen, lange blühenden Blumen der Liebeswonne zur Entfaltung gebracht hätte. Die Zeit, die ein Dummkopf darauf verwendet, sein eigenes Glück zu vernichten, weiß ein Gescheiter dazu zu benutzen, sein Glück heranzubilden.

Mit der unehrerbietigen Kühnheit der Chirurgen, die mit rücksichtslosem Schnitt das trügerische Muskelgewebe auftrennen, unter welchem eine ekelhafte Wunde sich birgt, haben wir in den vorhergehenden Betrachtungen die Ausdehnung des Geschwürs festgestellt. Die Tugend unserer Gesellschaft, auf den Seziertisch unseres anatomischen Theaters gelegt, hat nicht einmal einen Leichnam unter dem Skalpell gelassen. Ob nun Liebhaber oder Gatte, habt ihr über die Krankheit gelächelt oder vor ihr geschaudert? Nun, mit einer boshaften Freude wälzen wir die Verantwortung für die ungeheuer schwere Last, unter der die Gesellschaft stöhnt, auf das Gewissen der Prädestinierten. Wenn Harlekin den Versuch macht, ob nicht sein Pferd sich dran gewöhnen könnte, ohne Futter zu leben, dann ist er nicht lächerlicher als die Männer, die in ihrer Ehe das Glück finden wollen, aber sie nicht mit aller erforderlichen Sorgfalt pflegen. Die Fehltritte der Frauen sind ebenso viele Anklagen gegen die Selbstsucht, Gleichgültigkeit und Nichtigkeit der Ehemänner.

„Ei was!“ werden hier einige gute Leutchen rufen, deren Horizont bei ihrer Nasenspitze endet, „Ei was, muß man sich denn mit dem Lieben so viel Mühe machen? Müßte man wirklich, um in der Ehe glücklich zu sein, vorher in die Schule gehen? Wird wohl gar die Regierung für uns einen Lehrstuhl der Wissenschaft der Liebe errichten, wie sie neulich einen Professor für Staatsrecht angestellt hat?“

Hierauf antworten wir:

Diese mannigfaltigen, so schwer zu erkennenden Regeln, diese ins einzelne gehenden Beobachtungen, diese je nach den Temperamenten so veränderlichen Begriffe präexistieren bereits, sozusagen, im Herzen derer, die für die Liebe geschaffen sind, wie ein instinktmäßiger Geschmack und eine schwer zu erklärende Fähigkeit, Ideen zu kombinieren, sich in der Seele des Dichters, des Malers oder des Tonkünstlers finden. Männer, denen es irgendwie Schwierigkeiten machen sollte, die in dieser Betrachtung gegebenen Regeln zu bestätigen, sind von Natur Prädestinierte, wie ein Mensch, der die zwischen zwei verschiedenen Ideen bestehenden Beziehungen nicht wahrzunehmen vermag, ein Dummkopf ist. Ja, die Liebe hat ihre unbekannten großen Menschen, wie der Krieg seine Napoleons, wie die Dichtkunst ihre André Chéntiers und wie die Philosophie ihre Descartes hat!

Diese letzte Beobachtung enthält den Keim einer Antwort auf die Frage, die seit langer Zeit alle Menschen sich stellen: Warum kommt eigentlich so selten eine glückliche Ehe vor?

Dieses Phänomen der sittlichen Welt findet sich selten, weil man nur wenig genialen Menschen begegnet. Eine dauerhafte Leidenschaft ist ein erhabenes Drama, das von zwei gleich begabten Schauspielern aufgeführt werden muß; ein Drama, dessen Katastrophen die Gefühle, dessen Ereignisse die Begierden sind; ein Drama, in dem der leiseste Gedanke zu einem Szenenwechsel führt. Wie könnte man nun in dieser Herde von Zweihändern, die man ein Volk nennt, häufig einen Mann und eine Frau finden, die in gleich hohem Grade mit dem Genie der Liebe begabt sind, da ja schon in den andern Wissenschaften, in denen zur Erreichung des Erfolgs der Künstler nur mit sich selbst im klaren zu sein braucht, die Talente so dünn gesät sind?

Honoré de Balzac

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